Sind Frauen bessere Herrscher?Königinnen, Fürstinnen, Zarinnen oftmals erfolgreicher als Männer
Nur sehr wenige Frauen erreichten bislang große politische Macht. Doch erstaunlich viele dieser wenigen Herrscherinnen waren erfolgreicher als männliche Regenten.
Ludwig der Soundsovielte, Karl der Große/Kahle/Kühne, Friedrich-Wilhelm-August, Philipp, Peter, Iwan, Franz-Ferdinand, Heinrich – die Liste der europäischen Herrschernamen des Mittelalters und der frühen Neuzeit ist ebenso lang wie eintönig. Wie man halt so hieß als König oder Kaiser. Auffallend: Diese Liste besteht – zu neunzig, fünfundneunzig Prozent? – aus männlichen Vornamen; Frauen als Herrscher waren die Ausnahme. Die Gründe liegen auf der Hand. Jahrhundertelang war die christliche Kultur das blanke Patriarchat – mancherorts ist sie dies noch heute. Außerdem schlossen dynastische Erbfolgeregeln oftmals Töchter, Schwestern und Nichten generell von der Thronfolge aus. Ob das eine kluge Entscheidung war, darf jedoch bezweifelt werden. Denn ein bemerkenswert hoher Anteil der wenigen weiblichen Herrscher war ungewöhnlich erfolgreich. Erfolgreiche Frauen: Queen Elisabeth und Queen VictoriaBeispiel England: Die wohl erfolgreichsten Epochen ihrer Geschichte erlebte die britische Monarchie nicht unter Edward, Richard oder James – sondern unter den Regentschaften von Elisabeth und Victoria. Zunächst fällt auf, dass beide Queens ungewöhnlich lange regierten. Elisabeth 45 Jahre, von 1558 bis 1608, Victoria sogar 64 – von 1837 bis 1901. Nur zwei männliche Herrscher können da mithalten: Victorias Großvater George III., der im 18. Jahrhundert ziemlich genau sechs Jahrzehnte die Geschicke Britanniens lenkte, und Heinrich III., im 13. Jahrhundert für über 50 Jahre englischer König. Doch damit nicht genug: Sowohl Elisabeth als auch Victoria prägten tatsächlich jeweils eine ganze Epoche. Nicht umsonst sind das Elisabethanische und das Victorianische Zeitalter noch heute feststehende Begriffe. Im 16. Jahrhundert, unter Elisabeth, etablierte sich England als europäische Großmacht. Es erlebte einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung, bezwang den großen Rivalen Spanien, versenkte dessen riesige Armada, griff erstmals und höchst erfolgreich ins Rennen um Kolonien ein – und brachte, allen voran durch William Shakespeare, kulturelle Höchstleistungen hervor. Zusätzlich setzte sich Elisabeth gegen eine andere herausragende Frau der britischen Geschichte durch: Mary of Scotland oder auch Maria Stuart. Unter Victoria wiederum, 300 Jahre danach, entstand und verfestigte sich das, was noch heute als „British Empire“ bekannt ist. England stieg zur politisch-militärischen Supermacht auf und überrundete Frankreich in jeder Hinsicht. Britische Entdecker und Forscher leisteten Jahr für Jahr Großartiges, Victoria war Herrscherin der halben Welt – und starb, im Morgengrauen des 20. Jahrhunderts, auch als Kaiserin von Indien. Einzig George III. kann eine Erfolgsbilanz vorweisen, die sich mit denen von Elisabeth und Victoria messen kann. Zwei der drei wohl erfolgreichsten englischen Herrscher waren also Frauen. Und betrachtet man, wie lange britische Könige herrschten, so kommt eine weitere Frau ins Spiel – Elisabeth II., die seit 1955 die Krone trägt und damit schon jetzt zu den „Top Five“ gehört. Herausragend: Katharina die Große und Isabella von KastilienDoch keineswegs nur England wurde maßgeblich von den wenigen Frauen geprägt, die zu Königswürden gelangten. Als Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst-Dornburg im damals deutschen Stettin geboren, sorgte eine andere Dame im späten 18. Jahrhundert dafür, dass Russland langsam, aber unaufhaltsam in den Kreis der Großmächte vorstoßen konnte: Zarin Katharina II. gilt bis heute neben Peter dem Großen als erfolgreichste der vielen Monarchen Russlands. Sie herrschte – nach dem Tode Ihres Mannes Peter III. – 34 Jahre über das Riesenreich, modernisierte es in Hinsicht auf Wirtschaft, Verwaltung und Militär wie kein russischer Zar zuvor. Sie eroberte einen Zugang zum Schwarzen Meer, sicherte Russland beträchtliche Gebiete durch die diversen Teilungen Polens und zerschlug das Khanat der Krimtataren. Nicht zuletzt durch Katharinas ebenso kluge wie mutige Politik erlangte Russland eine gewichtige Rolle in der europäischen Politik – kein Wunder, dass sie auch bis heute, als einzige Herrscherin überhaupt, den Beinamen die Große erhielt. Einen anderen Beinamen errang jene Königin, deren Regentschaft untrennbar mit dem Aufstieg Spaniens zur größten Kolonialmacht erbunden bleibt: La Catolica, die Katholische, so wurde Isabella I. von Kastilien schon zu Lebzeiten genannt. Von 1474 bis 1504 trug sie die kastilische Krone, ab 1479 auch – gemeinsam mit ihrem Mann, Ferdinand II. von Aragonien – die von Aragon. Isabella gilt als die treibende Kraft hinter dem erfolgreichen Kampf der Spanier gegen die muslimischen Mauren – 1492 fiel Granada als letzte islamische Bastion in Europa. La Catolica gehörte zu den wichtigsten Verbündeten des Papsttums und legte mit ihrer strikten Religiosität den Grundstein für die konsequente, oftmals grausame Katholisierung Spaniens. Wichtiger noch: Vor allem Isabella von Kastilien dürfte es gewesen sein, die trotz vieler Bedenken einen mehr oder weniger unglaubwürdigen Ausländer in seinen verwegenen Plänen unterstützte. Ob sie dafür nun tatsächlich – wie manchmal immer noch behauptet wird – ihre Kronjuwelen in Zahlung gab oder nicht, sei dahingestellt. Doch es ist extrem unwahrscheinlich, dass ohne die Hilfe dieser Frau ein gewisser Christoph Columbus jemals in See gestochen wäre... Frauen mit Einfluss und MachtAuch andere europäische Herrscherhäuser wurde in einem erstaunlichen Maße durch ihre weiblichen Vertreter geprägt. So errangen Frauen in Frankreich zwar niemals eine solche herausragende Position wie zwischenzeitlich in Spanien und häufiger in Russland oder England. Und dennoch: Die gebürtige Florentinerin Katharina von Medici zum Beispiel, eine Zeitgenossin von Elisabeth, konnte ihren europaweiten Einfluss langsam, aber stetig ausbauen. Als Königin von Frankreich anfangs noch von begrenzter Macht, gehörte sie doch später – während der aufeinanderfolgenden Regentschaften von dreien ihrer Söhne im 16. Jahrhundert als Königinmutter jahrzehntelang zu den mächtigsten, einflussreichsten und gefährlichsten Personen des Kontinents und spielte eine kaum zu überschätzende Rolle in den Religionskriegen und politischen Intrigen jener Zeit. Königinnen, Fürstinnen, KanzlerinnenGemessen daran, dass nur ein verschwindend geringer Prozentsatz der tatsächlichen Herrscher Frauen waren und sind, scheint der Erfolg mancher weiblichen Regenten geradezu frappierend. Natürlich, der Regelfall waren Königinnen und Fürstinnen als Zier an ihres Mannes Seite, von begrenzter Macht und überschaubarem Einfluss. Doch Isabella von Kastilien, Elisabeth, Katharina von Medici, Katharina die Große und Queen Victoria stehen als leuchtende Beispiele für die Frage: Sind Frauen die besseren Herrscher? Rein statistisch ist das zumindest nicht von der Hand zu weisen, wenngleich natürlich einige Fragen offen bleiben: Könnten die Bilanzen anderer Herrscherinnen – Kleopatra, Maria Stuart, Queen Mary, die Zarinnen Elisabeth und Anna, Katharina von Valois, Kaiserin Maria-Theresia, Sisi, die im Dezember 2007 ermordete Bhenazir Bhutto – dieseThese stützen? Wie steht es mit Politikerinnen der Neuzeit? Mit Evita Peron, der „Eisernen Lady“ Margaret Thatcher, ja, sogar Angela Merkel und – vielleicht – Hillary Clinton? Ob sie in die Fußstapfen ihrer großen Vorgängerinnen treten können?
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