Fremdenfeindlichkeit und ErziehungWie aus dem Umgang mit Kindern Angst und Ausgrenzung entsteht20.07.2008 Christine Teichmann
So gut wie Menschen sich in den ersten Lebensjahren in ihrer Gesamtheit angenommen fühlen, so gut können sie später Fremdes integrieren
Probleme beim Zusammenleben unterschiedlicher Menschen wird es immer geben. Ob es die verschiedenen Interpretationen derselben Verhaltensweisen sind oder einfach unterschiedliche Bedürfnisse und Gewohnheiten - Unstimmigkeiten entstehen und lassen sich durch Toleranz und Kommunikation lösen. Irrationale Ängste und Abwehrhaltungen sind kommunikationsresistentAnders verhält es sich bei Haltungen, die nicht auf konkreten Gegebenheiten beruhen oder solche in überhöhtem Ausmaß als feindlich und beeinträchtigend wahr nehmen. Hier ist die rationale Begründung einer Abwehrhaltung oft nur eine vorgeschobene. Fremdes und Ungewohntes wird als bedrohlich empfunden, wo es ebenso als interessant und bereichernd angenommen werden könnte. Es geht nicht um konkrete Beeinträchtigung des eigenen Lebensstils, sondern um eine vage Bedrohung, die vom Andersartigen auszugehen scheint. Das Bedürfnis nach Ausgrenzung entsteht aus eigener UnsicherheitMenschen, die sich selbst unsicher fühlen, haben oft ein starkes Bedürfnis, zu einer Gruppe zu gehören, die ihnen Sicherheit bietet. Wer nicht mit allgemein beliebten Eigenschaften ausgestattet ist, wird diese Gruppe nicht in Familie und Freundeskreis finden. Dann entsteht das Bedürfnis, sich einer Gruppe zuzählen zu dürfen, die sich über andere Faktoren definiert. Volkszugehörigkeit ist ein solcher Faktor. Niemand kann etwas dafür, in welches Land und welches soziales Umfeld er hineingeboren wird. Genauso wenig kann man diese Zugehörigkeit verlieren. Eine simple Wir-Ihr Grenze lässt sich ziehen. Alles Positive lässt sich in die eigene Gruppe interpretierenAlles, was nicht in das Selbstbild passt, kann ausgegrenzt und nach außen projiziert werden. Logik ist nicht gefragt. So kann der Antisemit im Juden gleichzeitig den kapitalistischen Ausbeuter und den Sozialschmarotzer sehen. Gastarbeiter wollen sich nicht integrieren und maßen sich an, so zu tun, als wären sie hier zu Hause. Woher kommt dieses Bedürfnis, Gruppen zu bilden und diese mit undifferenzierten Eigenschaften zu versehen? Alice Miller, Autorin von „Am Anfang war Erziehung“, hat einen Zusammenhang zwischen der „Schwarzen Pädagogik“ der Jahrhundertwende und der Täterschaft beziehungsweise dem Mitläufertum im Dritten Reich hergestellt. Die schlimmsten Auswüchse der damaligen Erziehung sind zwar glücklicherweise nicht mehr Praxis, aber immer noch wachsen Kinder nicht so auf, wie es ihrer ganzheitlichen Menschwerdung dienlich ist. Ungewünschte Anteile der Persönlichkeit werden nicht angenommen. Um emotional zu überleben, müssen diese Teile verleugnet werden. Später werden sie außerhalb der eigenen Persönlichkeit bekämpft, indem sie Außenstehenden „angedichtet“ werden. Dazu ein Literaturtipp: Arno Gruen „Der Fremde in uns“. In diesem wichtigen Buch versucht der Autor, die Prozesse verständlich zu machen, die in jedem von uns wirken und uns daran hindern, als eine von einander abhängige Menschheit zu agieren. Er sieht die "tägliche Erniedrigung des Kinders" als ursächlich für das Phänomen, dass wir anderen das Mensch-Sein absprechen.
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